Pfarrer Heinrich Videsott 

Beobachtungen und Bemerkungen 
zu allen seinen Predigten 
und Standesvorträgen

 

Im Nachlass von Pfarrer Heinrich Videsott wurden 515 Predigtvorbereitungen gefunden, die nach Jahrgängen geordnet und fortlaufend nummeriert wurden. Fast alle überlieferten Predigten wurden in deutscher Sprache (meistens predigte er ja auf Italienisch oder sprach in Ladinisch!) wörtlich vorbereitet und säuberlich in Gabelsberger Stenographie aufgezeichnet. Pfarrer Videsott hat sich genau und bis in Einzelheiten getreu der Gabelsberger Kurzschrift bedient. Außer für Himmel, Gnade, Liebe benutzte er keine persönlichen Kürzel, deshalb sind seine Texte für Kenner durchaus zu entziffern, mit wenigen Ausnahmen bei schlecht erhaltenen Vorlagen.

In seinen jungen Jahren, vor allem während des Weltkrieges in Bruneck, hat der Kooperator noch voll von seiner entfernten Vorbereitung in der Studienzeit aus dem Priesterseminar Brixen geschöpft. Die Vorlagen sind sehr lehrreich sowie präzis und ausführlich im Umfang. Besonders in seinen letzten Lebensjahren begnügte er sich allerdings mit Skizzen, vor allem zu den damals üblichen Standesunterweisungen. Diese hat er gewissenhaft gehalten und wörtlich vorbereitet.

Manchmal hat er Predigten nur stichwortweise vorbereitet, auch im Anhang hat er zuweilen Stichwörter – wenn ihm etwa die Predigtfülle zu karg erschien. Die lebenslang gewissenhafte Vorbereitung und sicher auch die Ausführung seiner Predigten sind der Bewunderung wert, und lassen tief auf seinen Charakter schließen! Applaus hat er dafür sicher nie gesucht, vielleicht auch nicht bekommen!

Es ist festzuhalten, dass zur Kinderzeit von Heinrich Videsott in seinem Elternhaus ladinisch gesprochen wurde, dass er in seiner Studienzeit in Brixen sprachlich deutsch geprägt wurde, dass er aber nach seiner Kooperatorenzeit, spätestens von 1964 an in Wengen nur mehr italienisch gepredigt hat. Seine Umgangssprache war zeitlebens dreisprachig, ladinisch, italienisch und deutsch. Es wird aus den Vorlagen nicht ersichtlich, ob er die Predigten wie damals üblich (deutsch oder italienisch) auswendig gelernt oder die Vorlagen im Lauf der Jahre auch mehrmals benutzt hat. Auf jeden Fall gibt es in seinen Predigten kaum Hinweise, dass er sie öfter wiederholt hätte.

In der Regel hat er sich auch auf italienische Predigten immer in deutscher Sprache vorbereitet. Dies aber wörtlich und ausführlich „mit Wonne“, z.B. bei Kinderpredigten oder „Erzählungen“ der Parabeln, Wunder, geschichtlichen Begebenheiten auch profaner Art. Zu Beginn mancher Predigten steht deshalb z.B. zuweilen bloß „Erzählung Gastmahl“ – dann folgt doch eine minutiöse phantasievolle Schilderung, oft recht ausführlich, denn das muss ihm selber wohlgetan haben. Man merkt dies z.B. in der kind-/volksgerechten Wiedergabe des Evangeliums und in einer bewundernswerten Leidenschaft für den sprachlichen Ausdruck. Wieviel Zeit hat er der Vorbereitung seiner Predigten aufgewendet, er sah darin eine wichtige Aufgabe.

Sein Predigtstil sowie die Form seiner Vorbereitung sind immer gleich geblieben, auch inhaltlich ist keine große thematische Entwicklung festzustellen. Predigtliteratur hat er offenbar wenig benutzt, besonders nicht solche „moderner“ Art, er fehlte ihm aber nie an persönlich drängendem Predigtstoff. Was er allerdings viel benutzte, war die traditionelle Erbauungsliteratur seiner Zeit; fast in jeder Predigt zitiert er seine Lieblingsheiligen (Johannes Vianney, Katharina von Siena, Johannes vom Kreuz usw.) – und vor allem in den ersten Zeiten aszetische Schriftsteller seiner Zeit. Auffallend, stark und klar sind auch die vielen Beispiele, die er immer in seine Predigten einstreut. Oft gibt es auch Abschnitte in seinen Predigten, die einfach sein inneres Beten widerspiegeln, ohne Belehrung und Ermahnung, z.B. in der Predigt 411 am Neujahrsmorgen 1978.

Einen interessanten Blick in die sensible Seele des Predigers erlaubt eine der seltenen Bemerkungen zu einer Predigt: [Rote Schrift] „Von dieser Predigt habe ich nur den Umfang genommen und dann das Beispiel von dem Geizhals und Neidischen erzählt. [Rote Schrift Ende] Ich habe mich einfach nicht zurechtgefunden, weil ich zu wenig vorbereitet war. Die Predigt soll aber doch gefallen haben.“ (Predigt 420/1979).   –  Ähnlich auch die kritischen Äußerungen in Predigt 360/1970: „Sehr schwacher Besuch. Nicht einmal die Halbschaft der Frauen. In der Kirche den Vortrag gehalten. Habe nur ca. 20 Minuten geredet. Bin nicht recht hinein gekommen wegen des geringen Besuchs. Habe Applaus bekommen.“

Stellenweise bekommt man den Eindruck, dass sein religiöses und geistliches Weltbild eher einfach war wie in einer klar geordneten Schachtel, ja, seine moralischen Impulse konnten sogar etwas simpel und blauäugig werden – und vor allem blieben sie sich immer selber gleich. Als Beispiel könnte das Wort „Sünde“ stehen, das er zuweilen recht plötzlich und ohne inhaltlichen Zusammenhang in seine Predigten einfügt; das ist für ihn gleichbedeutend mit Gegner, Feind, Zerstörung, Unglaube, Schuld, Sittenlosigkeit, Laster, Übertretung der Gebote, Gefahr, Verderben, Teufel, Hölle usw. Sünde ist vor allem die Übertretung der Gebote, z.B. der Sonntagsheiligung, genauso aber die Unterlassung von Gebet und Standespflichten sowie ein Lasterleben gegen die Gebote Gottes. Der Gegensatz ist „Gnade“ oder „Himmel“.

Es wird berichtet, dass er mit zunehmendem Alter immer mehr aus seiner gelebten Spiritualität heraus gepredigt hat, langsam und mit Nachdruck und Wiederholungen, ass also der belehrende und moralisierende Predigtstil seinem persönlichen Lebenszeugnis gewichen ist. Immer waren seine Predigten sehr einfach und verständlich gehalten, geradlinig in der theologischen Aussage und tief in der Spiritualität. Häufige Rufzeichen zeugen von seinem großen Engagement bereits in der Planung und Vorbereitung der Predigten. Zu seiner Zeit sprach man von dem „Drängen“ des Predigers vor allem im Schlussteil, was nicht selten zu kurzen, fast befehlshaften Imperativen führte.

Meistens waren seine Predigten thematisch gehalten, wobei er zeit seines Lebens immer wieder dieselben katechetischen und moralischen Themen bevorzugte: Messopfer und Kommunion, Sakramente und Priestertum, Gebet und Segen, Engel und Festtage, Sünde sowie Beichte und Reue, Engel und Teufel, Tugenden und Laster, die pastorale Praxis sowie katholisches Grundwissen und Moral.

Regelmäßig und mit unglaublichem Fleiß hielt er die Standesunterweisungen für Männer, Frauen, Burschen und Mädchen, wobei er unermüdlich die alltäglichen Standespflichten und christlichen Grundhaltungen betonte. Unter den wichtigen Kasualpredigten fallen vor allem die Hochzeiten auf, dann Erstkommunion und Schulmessen (wobei andere Kinder- und Jugendmessen fehlen), auch Anlässe zu Marienverehrung und Familienthemen. Dass keine Predigten zu Gottesdiensten für Verstorbene erhalten sind, dürfte wohl auf die vorherrschende Praxis der Pfarrer in seiner Diözese zurückgehen, dass solche Begräbnisansprachen fast immer sehr persönlich über das Leben und Wirken der Verstorbenen handelten, dass sie ihm also nicht zeitlos genug und nicht der Aufbewahrung wert vorkamen – oder dass Gründe der Diskretion gegen eine Archivierung sprachen.

Es fällt auf, dass vor allem in seinen frühen Priesterjahren ein Pfarrer große Macht ausüben konnte auf das Leben in einem Dorf, in der Pfarrei; es gab kaum spirituelle oder soziale Konkurrenz, keine Erwachsenenbildung, und so streiften gerade die Standesunterweisungen sehr konkret alle Facetten des privaten, familiären und öffentlichen Lebens.

Von Anbeginn an hielt er auch die damals aufkommende biblische Homilie zum Sonntagsevangelium, wobei er allerdings sogar in den geprägten Zeiten oft thematische Predigten vorzog. Seine Predigten zeugen allerdings wenig von einer näheren Beschäftigung mit dem Geschehen des Konzils oder der Diözesansynode 1972-1975, sie nehmen auch kaum Bezug auf eine  nähere Beschäftigung mit der biblischen und liturgischen Bewegung jener Zeit. Er zitiert Bibel und Schultheologie (Dogmatik) als „locus theologicus“, als Beweis und Verstärkung für sein pastorales Anliegen.

Seine Ausrichtung blieb immer auf Frömmigkeit und „Spiritualität“ bezogen, traktatentheologisch, katechetisch und moralisierend, gerade die spärlichen Texte aus den letzten Jahren machen diese Akzentsetzung offenkundig. Bereits in seinen frühen Kriegs- und Nachkriegsjahren geht er nur sehr behutsam auf soziale und politische Zusammenhänge ein. Wohltuenderweise fehlt z.B. das damalige Wettern gegen den drohenden Kommunismus, andererseits wird „Jesus als Friedensfürst“ rein spirituell gedeutet (etwa in der Predigt 297 von 1961). Wohltuend, dass er niemals über Geld und Spenden gepredigt hat! Wie er in seinen persönlichen Begegnungen mit ratsuchenden, verletzten und vergebunsbittenden Menschen immer gütig und vornehm war, so wollte er auch in seinen Predigten nicht konkret Menschen verletzen oder Dorf- und Tagesereignisse anprangern – aus seiner offenen und sehr konkreten Botschaft konnten sich aber alle selber ein klares Bild machen.

Die Beschäftigung mit seinem Predigtnachlass führt zur Annahme, dass Pfarrer Heinrich Videsott in einer dauerhaften inneren Ordnung lebte. Die Klarheit und Geradlinigkeit seines Predigtstils haben ohne Zweifel seinem priesterlichen Leben entsprochen. Sie zeugen von einem regelmäßigen und gepflegten Gebetsleben sowie von einem ausgeprägten pastoralen Eros. Sein eigenes Glaubensleben war einfach und konkret, aber überzeugt und tief vom Gebet durchwirkt. Er offenbart in seinen Predigten auch überraschend viel Gefühl und Temperament, manchmal an Sentimentalität grenzend, vor allem wenn er von Maria und von den Müttern seiner Pfarrei predigt (z.B. die Predigt 55 vom Jahr 1942) oder wenn er zu Erstkommunionkindern sprach (z.B. schon als junger Kaplan in der Predigt 9 von 1939). Seine Theologie war nicht Spekulation, sondern Leben und Praxis. Er predigte nicht aus Freude an Rhetorik oder Selbstdarstellung, sondern mit mühsamem Einsatz für die einfachen Menschen, die den Lebenskampf im alltäglichen Leben bestehen müssen.

P. Bernhard Frei

Beispiel einer Predigtvorbereitung in Stenographie 

Familiensonntag 1948 in Mittewald


Stenographie Gabelsberger