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Aus den Ursprüngen leben

Pfarrer Heinrich Videsott erlebte seine Kindheit in einem religiösen Elternhaus, dreisprachig (ladinisch-deutsch-italienisch), in volkskirchlicher Umgebung in Montal im Pustertal (Südtirol). In seinem ganzen Leben gab er Zeugnis davon, wie sehr er geprägt war durch den Glauben, die Familie, die katholische Erziehung in seinen ersten Lebensjahren. Deshalb blieb ihm die Weitergabe des Glaubens an Kinder und junge Familien immer ein großes Herzensanliegen.

Als er als Bub zum Studium nach Brixen kam, wurde er acht Jahre lang von seinen geistlichen Lehrern am Fürstbischöflichen Kleinen Seminar gebildet und geführt. Ordnung und Disziplin hat er gelernt, Gottesdienst und Gebet hat ihn begleitet, ein solides Studium und auch genügend Zeit für sich selber waren ihm geschenkt. Dies wurde in den folgenden Jahren im Priesterseminar Brixen vertieft durch das Seminarleben und das Studium der Philosophie und Theologie. Er ist sein Leben lang treu den Spuren gefolgt, die er dort gefunden, aufgenommen und nie verlassen hat. Er hat schon in dieser Zeit zu auffallender Dienst- und Opferbereitschaft gefunden sowie in priesterlichem Geist zu Askese, Gebet und seelsorglichem Eros.

In seinen ersten Priesterjahren wurde er mit der Kinder- und Jugendseelsorge vertraut, mit Schule und Familienpastoral, mit Predigt und religiöser Unterweisung. Er entwickelte einen ausgeprägten kirchlichen Sinn, hatte große Freude an seiner priesterlichen Berufung und blieb offen für gesellschaftliche und pastorale Entwicklungen, ohne je seine eher konservative und beharrende Grundorientierung aufzugeben. Dazu befähigt wurde er durch seine evangelische Ausrichtung an Jesus Christus und Maria sowie am Altarsakrament und am Herzen Jesu, ganz im Sinn des Evangeliums nach Johannes.


In seinem Priesterleben reifte die Persönlichkeit Heinrichs von diesen seinen Wurzeln her zu geradezu heroischen Tugenden: Gottes- und Menschenliebe, Festigkeit und Zielstrebigkeit,  Barmherzigkeit und Mitgefühl, immer bereit zur offenen Begegnung mit den Menschen und zu einem helfenden, heilenden Gespräch. Er sah die Not der Armen und Bedrohten und half, wie und wo er konnte. Vor allem setzte er sich in seinen Predigten geradezu leidenschaftlich ein für ein Leben nach den Geboten Gottes und den Werten der katholischen Kirche, denn darin war für ihn die Barmherzigkeit Gottes des Vaters und der Weg des Verlorenen Sohnes zurück zu seinen heilen Ursprüngen enthalten.


Durchbruch zum Segnen, Heilen und Helfen

Schon bis hierher zeigte Pfarrer Videsott einen vorbildlichen Lebenslauf, aber er ging noch viele Schritte weiter. So wie das Verdienst seines Landsmannes, des Chinamissionars Josef Freinademetz, darin besteht, dass er nicht in seinen damaligen Anfängen einer Heidenmission stecken blieb, die möglichst viele verlorene Heiden durch die Taufe der Hölle und dem Teufel zu entreißen versuchte, sondern zu einer damals unglaublichen Wertschätzung der chinesischen Kultur als Inkulturation des Evangeliums fand, so geschah es auch im Leben des einfachen Dorfpfarrers nebenan in Wengen.

Pfarrer Heinrich besann sich immer mehr auf Jesus Christus als Heiland und Erlöser und konzentrierte sein Wirken im Segnen, Heilen und Helfen. Seine Offenheit für das Beichtgespräch und die offene Begegnung mit den Hilfesuchenden erfuhren ein solches Ausmaß, dass es nah und fern als heiligmäßig erkannt und geschätzt wurde. Immer mehr wandte er sich dem einzelnen Menschen zu, vorbehaltlos und mit ganzer Hingabe.

Ich selber hatte bei der Mission 1987 die Gelegenheit, Pfarrer Heinrich zu sehen und staunend zu bewundern, wie er einmal außerhalb der offiziellen Zeit in der Ecke der Stube im Widum einer vor ihm knienden, weinenden Frau beide Hände auf den Kopf legte, schweigend und so lange als es brauchte, wie er sich zu ihr hinabbeugte und mit stiller und fester Stimme seinen für mich geheimnisvollen Segen spendete.

Und ein anderes Bild: als ich manchmal um 23 Uhr nachts müde von einem Vortrag in das Pfarrhaus zurück kam, war er wie immer noch wach und nahm einen noch so spät eingehenden Telefonanruf  liebevoll an, hörte lange Zeit schweigend zu, schirmte dann mit seinem Körper das Telefon ab und sprach leise,  langsam und beschwörend seinen langen Segen über jemanden, der dies offenbar dringend brauchte.

Heute ist es meine größte Freude, dass diese für mich ursprünglichen Bilder jetzt zu einem farbigen Gemälde werden, weil so viele Menschen aus der ganzen Umgebung und von weither zu seinem Grab, zu ihm selbst wallfahren – von wem geschickt und begleitet? Doch wohl vom Herr Jesus selber, der auch heute noch die niemals erloschene Stimme und die nicht erlahmte Hand seines Priesters Heinrich Videsott führt.
 

Pfarrer Heinrich lebte von den Anfängen und Ursprüngen seiner Kindheit und Jugend her, aber er stieß dann mutig auf die eigentlichen Ursprünge des Evangeliums vor.
So wurde er zu einem Priester im Sinn der Seligpreisungen Jesu: „Selig, die sich anderen gegenüber öffnen, die heilen und selbst zum Segen werden.“
Er war ein Priester im Sinn des Vaterunsers, der ersten drei Bitten um Glauben und Vertrauen in den Willen Gottes, der Bitte um Brot, Haus und Arbeit für die Familie, der drei Bitten um Vergebung durch Umkehr und Heimkehr.
Er ist zu einem Bild der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes geworden und weist in eine Zukunft, in der alle Menschen guten Willens einander auf Augenhöhe in Gerechtigkeit und Frieden begegnen können.

P. Bernhard Frei

 

Priester - Stellvertreter Christi und der Kirche


Das Priestertum ist in der Geschichte der Völker sowie im Christentum mit verschiedenen Aufgaben und Formen verbunden worden. Pfarrer Heinrich hat vor allem vier wesentliche Elemente eines Priesers im Sinne Jesu gelebt.

1.  Der Priester ist Mittler zwischen Gott und den Menschen - dies in allen Menschheitsreligionen, in denen die Beziehung zu Gott durch Kult und Opfer geschieht. Meistens durch Abstammung, durch göttlichen Ruf oder durch Beauftragung seitens der Gemeinde bestellt. Hohe Stellung und Würde, von Gott her geschenkt, „Hochgeweihter“! Wichtig ist weniger seine seelsorgliche Leistung, sondern seine Anwesenheit am Ort, sonst fühlen sich die Menschen verwaist.

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2. Der Priester ist Minister und Diener der Gemeinde. Aus den Menschen genommen, um die notwendigen priesterlichen Dienste zu vollziehen. Vertreter und Sachwalter der kirchlichen Gemeinde, Seelsorger! Rastlos tätig, phantasievoll, beim Volk beliebt. Solche Priester tragen die Last und Hitze des Alltags, sie übernehmen Verantwortung und gehen dorthin, wo die Menschen leben.

3. Der Priester ist Repräsentant Christi. Jesus war für die Christen von Anfang an Mittler zwischen Gott und den Menschen sowie durch seinen Kreuzestod der Vollender aller Opfer, also „wahrer Hoher Priester“ (Heb. 5,5f).  Deshalb bedürfen die Christen eigentlich keiner Priesters und keines Tempels mehr, denn durch die Taufe erhalten alle vollen Anteil an Christus als Priester, König und Prophet, sie sind selbst eine königliche Priesterschaft (1 Petr 2,9). Der sakramental geweihte Priester aber hat einen besonderen Anteil an Christus, wie die Apostel nach ihrer Beauftragung durch den Herrn. Jesus selber wirkt in ihnen. Christus ist in den Geweihten gegenwärtig, wenn sie als Lehrer, Hirten und Priester in der Kirche leben und wirken. „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16).

4. Der Priester ist durch die Priesterweihe ganz und gar in das Gesamt der Kirche eingeordnet. Das Priesteramt ist sakramental auf das Fundament der Apostel gebaut und verwiesen. Durch die Gnadengabe des Priestertums hat er die Aufgabe, alle Charismen in der Gemeinde auf die eine Kirche Jesu Christi hin zu ordnen. Wie jede gesellschaftliche Struktur hat auch die Kirche Leitungsfunktion –  diese ist dem Priester übertragen. Diese Aufgabe des Hirten gilt nicht nur für die dem Priester anvertraute Aufgabe oder Gemeinde, sondern für die gesamte Kirche, denn der Priester übt sein Amt wesentlich aus mit allen anderen Amtsträgern im Presbyterium.



Pfarrer Heinrich Videsott hat an seine priesterliche Existenz höchste Ansprüche gestellt. Er hat alle vier Dimensionen des priesterlichen Seins und Wirkens, wie es oben dargestellt ist, mit ganzer Kraft und zeit seines Lebens in sich zu verwirklichen gesucht.

Als Mittler zu Gott war er den Pfarrkindern zugetan und jederzeit da;

er hat sich als Seelsorger verausgabt,

er hat sich vor allem am Altar „in persona Christi“ (Christus selber darstellend) verstanden,

er war seinen Amtsbrüdern mit Respekt und Liebe zugetan.

Pfarrer Heinrich hat auch eigene, persönliche Akzente gesetzt. Z.B. als Seelsorger – er ist in die Herzen der Seinen zutiefst eingegraben als Priester des Gebetes und des Segens. Er hat nicht nur gebetet, sondern er lebte das Gebet als Existenzial seiner priesterlichen Berufung. Und wenn er auch nicht alle Anläufe der Seelsorge vor allem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962/65) mitgemacht hat – er ist selbst ein Segen geworden und hat die Seinen als guter Hirte geführt und  beschützt.