Selig gesprochen - wieder ein Priester?

Gewiss wird sich mancher fragen, muss denn wieder ein Priester traditionellen Zuschnitts selig gesprochen werden? Es gibt drei Gründe, die zur Verehrung von Pfarrer Videsott führen:

  1. Das Volk sucht sich selber seine Heiligen. Schon manche "Kandidaten" waren den Modernen zu altlastig, den Konservativen zu fortschrittlich oder den höheren Kirchenmännern zu einfach. Der Souverain ist immer das Volk Gottes mit seiner apostolischen Führung, denn Jesus selbst lebt und wirkt in seiner gläubigen Gemeinde.

  2. Es gibt heute eine unausgesprochene Sehnsucht nach Sicherheit und bergender Väterlichkeit. Wer mich annimmt und segnet, wer mir zuhört und Leid oder eine Entscheidung abnimmt, der ist sehr gefragt.

  3. Und etwas Ansteckendes - die Freude an Wundern. Es muss ja nicht gleich Wundersucht sein, wenn Menschen im Segen von Pfarrer Videsott  tatsächlich Zuflucht und Heilung fanden. Der "Wundersüchtigste" aller Heiligen war doch Jesus selber - er aber hat dies als Zeichen für das neue und echte Reich Gottes bezeichnet.Pfarrer Heinrich Videsott, noch mehr seine zwei Vorbilder Johannes Vianney und Josef Freinademetz, können uns Inbegriff gültiger, bleibender Werte sein. Es sei zugegeben, dass alle drei in ihrer seelsorglichen Arbeitsweise nicht immer das Neueste und Modernste versucht haben. Wir haben aber gesehen und erlebt, wie viel Glanz und Euphorie nach dem Konzil und der Synode (Sechziger und Siebziger Jahre) schnell verblasst sind.


    Seligsprechung Videsott Heinrich
    Gebet zusammen mit dem Willen zu Umkehr und Besserung wirkt Wunder in den Seelen, und ein barmherziges Gottesbild führt zu wahrer Menschlichkeit. Die Segenskraft des frommen Priesters und Landpfarrers Heinrich kann auch uns zu echtem Glauben, starker Hoffnung und ewig tiefer Liebe führen. 
    Und am wichtigsten und entschei- dend: Gott selbst und er allein schenkt die Gnade der HeiligkeitIn seiner Freiheit ist er für uns Menschen erhaben über menschliche Überlegungen, staunenswert und unbegreiflich. Pfarrer Heinrich sprach oft von der Gnade seines Priestertums, vom Priesterkönig Jesus und der Priestermutter Maria, denen er nach seiner Redeweise vier Vollmachten bzw. Gewalten oder Gnaden verdankte:
    die drei "Wunder" -

    1.  Brot und Wein zu konsekrieren,
    2.  reuige Sünder von ihrer Schuld
          loszuprechen

    3.  dazu die charismatische Macht
          zu segnen
     und zu heilen.

Mit Ecken und Kanten


"Ein Priester mit Ecken und Kanten" - so hat Diözesanbischof Ivo Muser bei der Eröffnung des Seligsprechungsprozesses den Diener Gottes Heinrich Videsott genannt. Und da hat ihm niemand widersprochen!

Das ergibt sich schon von seiner Entwicklung her: der junge Priester durchlebte Licht- und Schattenseiten der Geselschaft und Kirche seiner bedrängten Zeit. Abwehr von Anfeindungen von außen (in Bruneck drohte ihm die Verhaftung durch die Nationalsozialisten), Härte und klare Linie nach innen, Abgrenzung und Kampf gegen weltanschauliche Angriffe. Die Kirche war dem Kaplan und jungen Pfarrer eine unüberwindliche Burg und ein Haus voll Glorie über allem Land.

Von seinen ersten seelsorglichen Einsätzen bis zum Segenspfarrer von Wengen machte er eine große Entwicklung durch - so hatte er immer seine Gegner, anderen wurde er gerade durch diese durchlittene und durchkämpfte Entwicklung zur Reife sympathisch und sie hatten großes Vertrauen in ihn.

Eckig und kantig war er als Theologe und Seelsorger. Die kirchlichen Erneuerungen seiner Zeit machte er nicht oberflächlich mit, sondern er musste sie sich oft mit Schwierigkeiten zuerst selber aneignen - und der treue Diener in seinem Amt wurde nie zu einem Zugpferd oder Schlachtross der Erneuerung. Da glich er sehr seinem großen Vorbild Johannes Maria Vianney, dem genauso eckigen und kantigen Pfarrer von Ars.

Und es sei auch offen gesagt: eckig und kantig galt er manchen, weil Gebet und Eucharistie, Treue im Alltag und ein absoluter Christusglaube seine geistlichen Wurzeln waren. Auch sein Lebensstil war nicht gerade modern, seine Erscheinung fast ein wenig linkisch, diese Ecken und Kanten aber zierten sozusagen ein kostbares Möbelstück, echte Werte und menschliche Zuwendung.

Aus nichts begonnen - vor Überfluss gewarnt

Primizfeier
1937 - Der Primiziant wird in seinem Elternhaus abgeholt zur großen Feier

Dieses Foto seines Primizfestes kann den Lebenslauf von Pfarrer Videsott gut erklären. 1937 ist in Südtirol eine Zeit höchster Not: vom italienischen Faschismus unterdrückt und wirtschaftlich benachteiligt, die Angst vor erzwungener Auswanderung ("Option für Deutschland"), Kriegsangst, für Jugend und junge Ehepaare kaum Perspektiven für die Zukunft, die Bergtäler wie abgeschlossen von der Welt.

Pfarrer Heinrich wurde Pfarrer im Gadertal, das buchstäblich bei seinem Elternhaus als "Zollhaus in Aktion" beginnt. Bis zu seinem Tod erlebte er einen großen wirtschaftlichen Aufschwung in dem wunderschönen Dolomitental mit seiner eigenen ladinischen Sprache. Einerseits spornte er jung und alt zu Fleiß und Ausdauer an, andererseits warnte er vor dem Aufgehen in Wohlstand, Habsucht und Egoismus. Das erklärt seine Zurückhaltung vor zu schnellen, unüberlegten Neuerungen, auch in der Kirche und im Pfarrleben. Andererseits stand er fest gegründet in seinen Grundsätzen, und so konnte er zu einem gesuchten und geachteten Ratgeber und Helfer werden. Und so verstand er den Gott seines Lebens als "Heiland" und seinen seelsorglichen Einsatz als Heilung und Segen.